Flugzeugentführung

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Eine Flugzeugentführung (englisch: aircraft hijacking, skyjacking; manchmal auch Luftpiraterie) ist eine unrechtmäßige, meist gewaltsame Inbesitznahme eines Flugzeuges durch eine, oder mehrere Personen. In den meisten Fällen wird der Pilot gezwungen dorthin zu fliegen, wo die Entführer es wollen. Manchmal pilotieren sie das Flugzeug auch selbst, wie es bei den Anschlägen vom 11. September der Fall war. In mindestens drei weiteren Fällen wurden Flugzeuge von dem offiziellen Piloten oder Kopiloten entführt.
Flugzeugentführer haben oft politische Motive für ihre Tat. Die Gründe variieren von der Forderung nach Freilassung bestimmter politischer Häftlinge, über Rückzug von militärischen Truppen aus bestimmten Krisengebieten bis hin zur Gewährung vom politischen Asyl. Manchmal, wie bei den Anschlägen vom 11. September, dienen Flugzeuge als „Waffen“ für die Zerstörung anderer Objekte oder Gebäuden.

Geschichte

Die erste dokumentierte Flugzeugentführung ereignete sich am 21. Februar 1931 im peruanischen Arequipa. Byron Rickards, Pilot eines Ford Trimotor, wurde auf dem Boden von einer Gruppe bewaffneter Revolutionäre festgehalten, als er sich geweigert hat, ihren Forderungen nachzugeben. Nach einer 10-tägigen Verhandlung wurde ihnen mitgeteilt, dass die Revolution erfolgreich war und dass Rickards frei wäre, wenn er einen der Entführer nach Lima fliegt.
J. Howard DeCelles behauptete 1970, das Opfer der ersten Flugzeugentführung 1929 gewesen zu sein. Er flog eine Postroute für das mexikanische Unternehmen Transportes Aeras Transcontinentales von San Luis Potosí nach Toreon und dann nach Guadalajara. Seine Entführer sollen Gen. Saturnino Cedillo, Gouverneur von San Luis Potosí, mit weiteren bewaffneten Personen sein. Ihm wurde gesagt, dass keine Wahl hätte und das tun müsse, was sie von ihm verlangen. DeCelles konnte die Männer so lange hinhalten, bis die Information seinen Chef erreichte. Dieser sagte, DeCelles soll mit den Entführern kooperieren. Er hatte keine Karten und wurde von den Männern unterwiesen. Er landete auf einer Straße und wurde noch einige Stunden lang unter Waffen gefangen gehalten, bis er schließlich freigelassen wurde. Den Vorfall hat DeCelles nie angezeigt.
Die erste Flugzeugentführung mit Todesopfern fand am 28. Oktober 1939 statt. Zwei Männer erschossen einen Fluglehrer während des Fluges mit einem Eindecker. Weder hatten die Täter klare Motive, noch wurde die Maschine für jegliche bestimmte Zwecke gebraucht.
Zwischen 1948 und 1957 ereigneten sich 15 Flugzeugentführungen. In den nächsten 10 Jahren stieg diese Zahl auf 48 an. Dies bedeutete, dass im Durchschnitt etwa 5 Flugzeuge pro Jahr entführt wurden. Im Jahr 1969 wurde eine Rekordzahl von 82 Entführungen in einem einzelnen Jahr dokumentiert. Allein im Januar des Jahres wurden 8 Flugzeuge nach Kuba entführt. Zwischen 1968 und 1971 stieg der jährliche Durchschnitt auf 41 Entführungen an.
Als Gegenmaßnahme schlossen die US-amerikanische und die kubanische Regierungen ein Vertrag ab, nach dem Flugzeugentführungen nicht mehr als geheime Waffe gegen Castro-Regime verwendet werden durften. Im selben Jahr haben die beiden Staaten eine Vereinbarung für die Strafverfolgung oder Auslieferung der Entführer. Die taiwanesische Regierung folgte diesem Beispiel und schloss einen ähnlichen Vertrag mit China ab.
Diese Maßnahmen, sowie die Verbesserung der Beziehung Israels mit Ägypten und Jordanien, Verzicht auf Terrorismus von der Palestine Liberation Organization (PLO), laufende Friedensgespräche zwischen PLO und Israel, der Zusammenbruch der kommunistischen Staaten in Osteuropa, vorsichtige Haltung solcher Länder, wie Syrien und Libyen, nach dem USA sie zu Unterstützern des internationalen Terrorismus erklärt hatte, der Zusammenbruch ideologisch-terroristischer Organisationen wie RAF und Verschärfung der Luftsicherheitsmaßnahmen führten dazu, dass die Zahl der Flugzeugentführungen tendenziell abnahm. Die Situation kehrte jedoch nicht in den Stand vor 1960 zurück. Zwischen 1988 und 1997 wurden immer noch durchschnittlich 18 Flugzeuge per anno entführt.

Umgang mit Entführungen

Vor den Anschlägen vom 11. September 2001, die meisten Fälle der Entführungen verliefen so, dass das Flugzeug an einem bestimmten Ziel landete und mit den Terroristen Verhandlungen geführt wurden. Den Piloten und Flugbegleiter wird beigebracht, den Forderungen der Terroristen zu folgen, das Flugzeug sicher zu landen und dann die Situation an die Sicherheitskräfte zu übergeben. Fluggäste sollen sich ruhig verhalten, um ihre Überlebenschancen zu steigern. Crewmitglieder werden auch ausgebildet, keine unnötigen heroischen Taten anzustreben, die ihr Leben oder das der Fluggäste gefährden könnte. Die Bundesluftfahrtbehörde der USA FAA erkannte, dass je länger die Verhandlungen mit den Entführern dauern und je härter sie auf ihren Forderungen beharren, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihr Ziel erreichen, der Konflikt aber ein friedliches Ende findet. Die Anschläge vom 11. September 2001 stellen eine beispiellose Gefahr dar, weil sie von Selbstmordattentätern verübt wurden, die ein Flugzeug führen und es bewusst in ein Gebäude lenken konnten, für den einzigen Zweck, so viel wie möglich zu zerstören und so viele Todesopfer zu fordern, wie möglich, ohne Vorwarnungen, ohne Verhandlungen und ohne jegliche Forderungen gestellt zu haben. Die vorher angewandten Umgangsweisen mit den Entführern wurden ohne Berücksichtigung von Selbstmordattentätern konzipiert, die ferner auch in der Lage waren, Schwachstellen im Sicherheitssystem der Zivilluftfahrt zu erkennen und auszunutzen.
Seit den Anschlägen änderte sich die gesamte Situation. Eines der entführten Flugzeuge - United Airlines Flight 93 – stürzte auf ein Feld, ohne das Ziel erreicht zu haben, weil Flugbegleiter und Passagiere, die von den anderen Anschlägen bereits erfahren haben, Widerstand leisteten. Seitdem müssen Crewmitglieder und Passagiere das Risiko der passiven Kooperation nicht nur für sich selbst einkalkulieren, sondern auch für mögliche Opfer auf dem Boden. Ein weiteres Beispiel ist der American Airlines Flug 63 von Paris nach Miami vom 22. Dezember 2001. Passagiere sowie Crewmitglieder des Fluges haben gemeinsam verhindert, dass ein Terrorist den Sprengstoff anzündet, den er in seinen Schuhen versteckt hat.
Im Falle einer Entführung soll die Kommunikation zu Flugsicherung nur dann erfolgen, wenn die Situation mehr oder weniger sicher ist.

Vorbeugung

Auf den meisten kommerziellen Flügen sind die Cockpit-Türen inzwischen kugelsicher über die ganze Dauer des Fluges fest verschlossen. In vielen Ländern der Welt, auch in Deutschland, werden zusätzlich Luftsicherheitsbeamte in Zivilkleidung eingesetzt, die für solche Fälle speziell ausgebildet sind. Eine große Rolle in der Prävention der Flugzeugentführungen spielt die Flughafensicherheit. Personenkontrollen und Gepäckscreening hilft es zu verhindern, dass Waffen oder explosive Flüssigkeiten an Bord eines Flugzeuges mitgenommen werden. In den USA wird zusätzlich Profiling betrieben – es werden Datenbanken mit Personen mit verdächtigem Hintergrund erstellt, die dann genau beobachtet werden und bei Zweifeln zum Flug nicht zugelassen werden.

Abschuss entführter Flugzeuge

Berichten zufolge, werden in den USA Kampfpiloten ausgebildet, die ein entführtes Flugzeug abschießen können, sollte es notwendig werden. Ähnliche gesetzliche Regelungen gibt es unter anderem auch in Indien, Russland und bis 2008 auch in Polen.

Deutschland

Im Januar 2005 trat in Deutschland das Luftsicherheitsgesetz in Kraft, das „direkte Maßnahmen mit Waffengewalt“ gegen ein entführtes Flugzeug erlaubte, um Attentaten wie 9/11 zu verhindern. Im Februar 2006 wurde dieser Artikel des Gesetzes vom Bundesverfassungsgericht jedoch für nichtig erklärt, weil solche Maßnahmen verfassungswidrig wären und einen staatlich geförderten Mord darstellten, auch wenn dadurch mehr Menschenleben auf dem Boden gerettet werden können. Die Argumentation hinter dieser Entscheidung war, dass der Staat unschuldige Geiseln umbringen lassen würde, um einen Terroranschlag zu verhindern. Außerdem entschied das Gericht, dass der Verteidigungsminister keine Eingriffsberechtigung habe, da Flugzeugentführungen die Sache des Staates und der Bundespolizei ist.

Siehe auch

Flugunfall
Brace position